KEIN WACKEN OHNE AC/DC.

Unter Strom: Das „Wacken Open Air“ ist das größte und bekannteste Heavy-Metal-Festival der Welt. Jedes Jahr im August verwandelt sich ein norddeutsches Dorf für eine Woche in eine Hardrock-Stadt mit fast 80.000 Einwohnern – nicht nur organisatorisch, sondern auch technisch eine Meisterleistung.

14. Oktober 2020 / Lesedauer: 16 Minuten
Metal-Heads vor der Hauptbühne auf dem W:O:A 2019.
Metal-Heads vor der Hauptbühne auf dem W:O:A 2019.
© ICS Network

Wacken ist an 350 Tagen im Jahr ein kleines,von Kuhweiden umgebenes Dorf in Schleswig-Holstein. Die meisten der 1.800 Einwohner führen ein eher beschauliches Leben. Doch dann naht das erste Wochenende im August – und mit ihm Zehntausende Metal-Heads in schwarzen T-Shirts mit Stierschädelskelett darauf, dem Logo des Wacken Open Airs. Zum Gruß heben sie den Arm und spreizen kleinen und Zeigefinger zur so genannten „Pommesgabel“, dem weltweit gültigen Erkennungszeichen der Metal-Fans. Auf dem Festivalgelände sorgen Dutzende von Bands beim traditionellen Pre-Opening am Mittwoch und an den folgenden drei Tagen und Nächten auf zehn Bühnen für harten Sound. Motörhead, Saxon, Iron Maiden, Judas Priest, Deep Purple, Rammstein, Doro, die Scorpions – alles, was in der Szene Rang und Namen hat, gab sich hier schon die Ehre. Aber Wacken steht inzwischen nicht nur für Heavy Metal, sondern auch für Weltoffenheit, ein friedliches Miteinander und ein Paralleluniversum, in dem nicht nur die großen Bands der Szene ihren Platz haben: Komiker wie Bülent Ceylan oder Otto Waalke hatten ebenso schon Auftritte wie Roberto Blanco und selbst Heino, der 2013 gemeinsam mit Rammstein eine unvergessliche Performance ablieferte.

 

Eine filmreife Story

Natürlich war das Wacken Open Air nicht immer so gigantisch. Die Geschichte des Festivals, das 2019 zum 30. Mal stattfand, ist durchzogen von Freundschaft, Loyalität, Durchhaltevermögen, Idealismus und Leidenschaft. Denn als Holger Hübner und Thomas Jensen 1989 am Tresen ihrer Dorfkneipe „Zur Post“ die Idee hatten, in Wacken ein Open-Air-Festival für die Fans harter Musik zu organisieren, konnten sie nicht ahnen, dass aus dieser Schnapsidee ein Metal-Event der Superlative entstehen würde. Aber genau das ist passiert.

Angefangen hat alles in der Kuhle. In dieser Senke am Rande von Wacken, dort wo heute die Zelte und Garderoben für die Künstler stehen, veranstalteten die glühenden Metal-Fans Jensen und Hübner 1990 ihr erstes Open Air. Knapp 800 Besucher kamen zu der wilden Freiluft-Party mit sechs Bands, darunter auch Jensens Coverband „Skyline“. Eintrittspreis damals: 12 D-Mark (heute kosten die Tickets ca. 220 Euro). Die Kunde von der headbangenden Wackener Dorfjugend verbreitete sich wie ein Lauffeuer, und zwei Jahre später kamen schon 3.500 Zuschauer, um 26 Bands zu sehen. Dazu zählte auch Saxon als erster internationaler Headliner. 1996 sorgten dann die Böhsen Onkelz für den ersten Riesenstau im Dorf – und für den Durchbruch des Festivals. Ein Jahr später kamen dann bereits 10.000 Fans, 1998 waren es 20.000. Die Kuhle wurde zu klein und das Festivalgelände auf umliegende, von benachbarten Bauern angemietete Wiesen verlegt.

Wacken
© ICS Network
"96 STUNDEN. 330 HEKTAR. 12 MEGAWATT."
Während der Abendstunden strahlt die Arbeit der Lichtcrew.
Während der Abendstunden strahlt die Arbeit der Lichtcrew.
© ICS Network

Seit 2010 ist Wacken jedes Jahr ausverkauft – und kein Künstler lässt es sich nehmen, vor mittlerweile rund 80.000 begeisterten Festival-Besuchern in einer einmalig friedlichen Atmosphäre aufzutreten. Ein Grund für den anhaltenden Erfolg von Wacken dürfte sein, dass sich die Veranstalter nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen. Immer wieder investieren sie in das Gelände und die Infrastruktur, um den Fans und Musikern jedes Jahr aufs Neue das Heavy-Metal-Event des Jahres bieten zu können. Das größte Highlight eines Festivals ist für die Macher, wenn die drei Tage ohne große Zwischenfälle und wenig Regen über die Bühnen gehen. Doch es gab auch schon drei aufeinanderfolgende Jahre mit echtem norddeutschen Schietwetter – was die Durchführung dann doch merklich erschwert hat.

 

Technik und Infrastruktur einer Kreisstadt

In den Anfangsjahren war die Festivalorganisation verhältnismäßig einfach: Die Sparkasse gewährte einen Kredit, die Raiffeisenbank stellte die Verlängerungskabel und der örtliche Supermarkt kümmerte sich um die Verpflegung. Am Ende überwachten die Bauern höchstpersönlich, dass alle Zigarettenstummel und Glasscherben von ihren Wiesen  entfernt wurden. Davon ist man in Wacken heute Lichtjahre entfernt, wie die folgenden Zahlen von 2019 eindrucksvoll beweisen: Volle sieben Tage dauerte es, aus Wiesen und Weiden ein amtliches Festivalgelände zu machen (und fünf Tage, um das Ganze wieder abzubauen). Inklusive der zahlreichen Campingplätze beanspruchte das Open Air 330 ha Fläche, was mehr als 450 Fußballfeldern entspricht. Das Festival-Infield mit den Hauptbühnen war so groß wie sechs Fußballfelder. 10 km mobile Schwerlaststraße wurden verlegt, um die Anlieferung von 75 Sattelzügen mit Bühnenmaterial quer durchs Ackerland zu ermöglichen – darunter zehn Sattelzüge Tontechnik und 20 Sattelzüge Lichttechnik mit 100 – 200 Moving Lights pro Trailer. Überhaupt die Lichttechnik: Auf dem Gelände waren fünf LED-Trucks mit 16 bis 50 qm großen Screens positioniert. Die Lichtcrew 600 Duscheinheiten und 420 Waschplätze wurden aufgebaut. 52 km Bauzaun waren nötig, um die temporäre Metal-Stadt einzugrenzen und zu strukturieren.

Pommesgabeln bis zum Horizont.
Pommesgabeln bis zum Horizont.
© ICS Network

E-Gitarren, Verstärker, Lightshows benötigen natürlich Strom, viel Strom. Darum kümmerte sich ein 25-köpfiges Elektro-Team unter Führung von Chef-Elektriker Ulf Richter. Es bestand aus Elektrikern, Helfern, Staplerfahrern sowie Generatoren- und Mittelspannungstechnikern. Rund 80 % gehörten zur eingespielten Stamm-Mannschaft, die überwiegend aus deutschen, aber auch aus niederländischen Spezialisten besteht. Das Team kümmerte sich 15 Tage lang darum, insgesamt 12 MW Leistung zu installieren, zu überwachen und wieder abzubauen – was dem Bedarf einer Stadt mit 70.000 Einwohnern entspricht. Das Hausnetz in Wacken umfasst ca. 6 km Kabel und 40 feste Stromverteiler. Diese werden von festem Ökostrom (800 KVA, 1.200 A) eingespeist. Da dies aber für die Bühnen und das gesamte Festivalgelände nicht reicht, wird das Netz getrennt und zusätzlich von Generatoren versorgt – aus einem werden so drei Stromnetze. Aus ökologischen Gründen sind zudem 4 km Leistungskabel verlegt, wodurch sich die Anzahl der benötigten Dieselaggregate von 140 auf 40 reduziert. Während der 30-Jahre-Jubiläumsshow entstand der bislang größte Stromverbrauch an der Hauptbühne: 2.500 A. Es folgen Auftritte von Slayer mit 2.300 A und Rammstein mit 2.100 A. Speziell Rammstein stellte für die Elektriker-Crew eine Herausforderung dar: Durch ihre Show war ein Stromanstieg von 1.000 A zu bewältigen.

Für die Zukunft sind Solarpanels, der Einsatz von Brennstoffzellen sowie eine Erhöhung des Feststromanteils geplant. Um den Ackerboden nicht jedes Jahr für die Verlegung von Strom- und Glasfaserleitungen aufreißen zu müssen, wurden 2017 insgesamt 7 km Leerrohre mit Durchmessern von bis zu 35 cm verlegt. Durch sie laufen Strom- und Glasfaserkabel, fließen Trinkwasser und Abwasser, aber auch hektoliterweise Bier, mit dem die Getränkestände vor den Hauptbühnen versorgt werden.

Das Festivalgelände aus der Vogelperspektive.
Das Festivalgelände aus der Vogelperspektive.
© ICS Network

Tausende helfende Hände

Dass auch das Jubiläumsfestival 2019 wie alle anderen zuvor weitgehend friedlich über die Bühne ging, ist der professionellen Organisation, den vielen Akteuren und Helfern zu verdanken: 1.800 Securitys und Ordner, 70 Auf- und Abbauarbeiter, 40 Personen Site Crew, 25 Elektriker, 15 Personen für die Wasserversorgung. Dazu täglich 900 Sanitäter, 6 Notärzte, 400 Polizisten und 250 Feuerwehrleute. Auch abseits des Festivalgeländes sind die Besucher aus aller Welt in besten Händen, denn die 1.800 Wackener empfangen „ihre“ Heavy-Metal-Fans Jahr für Jahr mit einer einzigartigen Gastfreundschaft. Auch wenn die Besucher und die meisten Dorfbewohner musikalisch Welten trennen, haben sich die Einheimischen schon früh mit den ungewöhnlichen Gästen arrangiert. Viele Vorgärten sind während des Festivals offen, es gibt Bier oder Kaffee und Kuchen. Es werden Duschen, Frühstück und Cocktails angeboten, auf der Dorfstraße stehen die Jüngsten mit ihren Kettcars bereit, um die Vorräte der Metaller zu deren Zelten zu bringen. Selbst die Freiwillige Feuerwehr kann sich der Magie nicht entziehen: Ihr Musikzug ist bei den Besuchern extrem beliebt und heizt der begeisterten Menge traditionell beim Pre-Opening ein. Wie die großen Metal- und Rockbands verkaufen auch die „Wacken Firefighters“ längst CDs und Fan-Shirts.

Nachdem das Festival 2020 wegen der Corona-Pandemie abgesagt wurde, warten Metal-Fans in aller Welt nun ungeduldig auf W:O:A 2021 – und darauf, dass es dann endlich wieder heißt: Faster. Harder. Louder!

Artikel bewerten

Artikel teilen

Artikel kommentieren

RED gewinnt.

Mitmachen und attraktive Preise gewinnen.

Frage richtig beantworten, abschicken und mit ein bisschen Glück tolle Preise gewinnen.